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Schmucker zapft neue Zuversicht

Unternehmen im Gespräch – Brauerei aus dem Mossautal investiert in Technik – Ergebnis geht vor Mengendenken

Mengenentwicklung und Sympathiewerte passen so gar nicht zusammen. Sinkend hier, stabil hoch dort. Die Schere zwischen Kosten und Preisen geht weiterhin ebenfalls ziemlich auseinander. Umsätze, Beschäftigtenzahlen, jährlicher Pro-Kopf-Verbrauch (107 Liter bundesweit), alle Indikatoren zeigen nach unten. Entsprechend groß ist die Unruhe am Biermarkt. Auch in Südhessen. Denn tatenlos will sich keiner seinem Schicksal ergeben, sucht nach einer Strategie, die mehr verspricht als das nackte Überleben. Bügelflasche, Einweg, Mischgetränke, Alkoholfreies, Niedrigstpreise, Werbeoffensive und was sonst auch immer generell auf dem Markt herumgereicht wird – für Willy Schmidt (49) sind das dennoch nicht wirklich Themen. „Schmucker ist keine Marke für Experimente“, sagt der Chef der schmucken Brauerei aus dem Mossautal, Nummer zwei in der Region hinter Pfungstädter.

Noch ist Deutschland von der Zahl der Brauereien (1325) und Marken (5000) Weltspitze. Aber die Konsolidierung ist in vollem Gange. An die 200 Bierhersteller „in unserer Größenordnung“ haben in den vergangenen zwei Dekaden dichtgemacht. Schmidt: „Das ist die kritischste Größe.“ Konkret: Über 110 000 Hektoliter zuletzt. 1994 waren es bei Schmucker noch mehr als 200 000 Hekto. Dann begann die Talfahrt, während die damaligen Eigner noch trotzig davon sprachen, die letzte Privatbrauerei in Hessen sein zu wollen. Es blieb bei der Ankündigung.

Seit 2006 gehört Schmucker zur Münchner Brau Holding International (BHI), ein Gemeinschaftsunternehmen der Schörghuber-Gruppe und des niederländischen Brauriesen Heineken mit Marken wie Paulaner, Hacker-Pschorr, Kulmbacher oder Fürstenberg. Die Nummer fünf hierzulande. Und weiß damit eine starke Familie hinter sich – Nestwärme in unsteten Zeiten und dem bisweilen einsamen Odenwald. Risikomanagement, Einkauf, Rechtsfragen – man nutze den Wissenspool der Gruppe, sagt Schmidt, der zudem durch seinen Sitz in der „Großen Geschäftsführersitzung der BHI“ einen „direkten Draht“ zur Zentrale hat.

Auch das zu forsch betriebene Auslandsgeschäft – ein Grund für die damalige Schmucker-Schieflage – wird durch BHI organisiert, wirft deshalb Ertrag ab, ist aber deutlich geschrumpft. 6000 Hekto Schmuckerbier gehen noch über die Grenzen, seit Neuestem nach Skandinavien oder Vietnam. Aus Spanien und Gran Canaria hat man sich verabschiedet.

Aber im Ausland scheint künftig einiges möglich, weil BHI bis 2015 den Exportanteil der Brauereigruppe von 15 auf 30 Prozent verdoppeln will, was dann 1,5 Millionen Hektolitern entspräche. Und vielleicht auch mehr Schmucker beinhaltet.

Gleichwohl steht bei Schmucker an erster Stelle das Motto „Bier braucht Heimat.“ Die Rhein-Main-Region mit dem Odenwald bleibt Mittelpunkt. Der Radius liegt bei 100 Kilometern, der mit dem eigenen Fuhrpark angesteuert wird. Hinzugewonnen wurden einige Gaststätten im Taunus. Insgesamt rund 1000 Gastronomiekunden hat man. Vier Außendienstler mit entsprechenden Fachkenntnissen versuchten Schmucker als „sympathische Marke“ zu platzieren, heißt es. „Wir können uns das nicht erkaufen wie andere“, so Schmidt. Mut macht bei alldem die hohe Loyalität – abzulesen daran, dass sich die Zahl der Abgänge in engen Grenzen hielt, als es Schmucker schlecht ging.

Vor viereinhalb Jahren ist Schmidt angetreten – „eine nach wie vor hochinteressante Aufgabe,“ wie er sagt. Und eine schwierige, was er so nicht formuliert. Sieben Prozent weniger Ausstoß 2011, Umsatz von rund elf Millionen Euro, leicht schwarze Zahlen, das sind Eckdaten. Die Preise werden 2012 nach drei Erhöhungen in zweieinhalb Jahren aber trotz der Notwendigkeit dazu nicht angehoben. Denn die Konsumenten seien eben doch recht preissensibel. Nach jeder Verteuerung habe es „Watschen“ gegeben. Mit 12,99 Euro je Kasten liege man bereits vier bis fünf Euro über nationalen Premiummarken. Aber ständige Aktionen will Schmidt nicht fahren, man müsse schließlich Marge generieren. Er hofft auf Verbraucher, die Qualität und Regionalität schätzen. Persönlich und individuell soll auf diese eingegangen werden.

Hierzu gehört auch, dass man den Brauereigasthof mit seinem 53-Betten-Hotel seit Jahresbeginn in Eigenregie betreibt – mit großem Erfolg. Der Umsatz sei fast verdreifacht worden, die Bettenbelegung stieg von fünf auf 47 Prozent. Das sei Teil des integrierten Standortkonzeptes mit Brauereifest, Wandertag und Oldtimertreffen sowie den Führungen mit über 10 000 Teilnehmern pro Jahr. „Ich will, dass es heißt, wir gehen zum Schmucker.“ Mit Familienfesten, bei Firmentreffen oder zur Freizeitgestaltung. 20 Mitarbeiter inklusive Aushilfen, und damit deutlich mehr Personal, kümmern sich um die Gäste.

Mit der Gewerkschaft NGG wurde vereinbart, dass dort nicht die höheren Brauereitarife gezahlt werden müssen – nur jenen, die aus der Brauerei gewechselt sind.

Investiert wird am Standort weiter – der beste Beleg dafür, dass BHI an die Marke glaubt. Erst wurde das Sudhaus modernisiert, dann kam eine neue EDV, es folgt ein neuer Flascheninspektor für 125 000 Euro, damit man Fremdflaschen vor der Abfüllung besser erkennt. Im Mittelpunkt aber steht die Kläranlage. Die stammt aus dem Jahr 1958, womit Schmucker bundesweit eine Vorreiterrolle einnahm. Nun fließen über 400 000 Euro in ein geschlossenes System. Fertigstellung soll im April sein. „Eine echte Standortsicherung“, sagt Schmidt. Und damit eine gute Nachricht für die 80 Mitarbeiter, darunter neun Auszubildende.

Der Nachwuchs muss aber auch schon mal Hand anlegen, wo maschinell nichts geht. So beim Etikettieren der Zweiliter-Bügelverschlussflasche „Raubacher Jockel“ – angelehnt an Odenwälder Historie, gedacht vor allem für Touristen. Die Erstauflage beträgt 500 Flaschen zu rund 15 Euro das Stück. Bei den insgesamt 16 Sorten nimmt Meister-Pils mit 60 000 Hektolitern weiterhin mit Abstand Platz eins ein gefolgt vom Weizen mit 20 000 Hektolitern. Ein Bio-Pils wurde wieder eingestellt. „Zu erklärungsbedürftig“, so Schmidt. 25 Prozent des Gerstensaftes wird im Fass abgefüllt, 75 Prozent in der Flasche.

Dass viele Beschäftigte nach wie vor zu Fuß oder mit dem Rad zur Arbeit kommen, passt zum grünen Anstrich der Brauerei im Grünen. Einweg bleibt tabu, versichert Schmidt, zuvor unter anderem 14 Jahre in der Radeberger-Gruppe tätig. Festgehalten wird am Bekenntnis zur Region und zur kompromisslos handwerklichen Qualität. Zusammen mit der entsprechenden Kostendisziplin ist ihm nicht bange. Auch wenn der Markt sich weiter massiv verändert. Das emotionale Produkt Bier, mit dem sich Menschen identifizieren, mache eben Freude.

Nicht nur beim Trinken.
Source: http://www.echo-online.de

 

 



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